Deutsche nach Anschlag in Sri Lanka

Gedanken zu Sri Lanka - wir sind hier

Von Ann-Katrin. Es ist Ostersonntag, der 21. April 2019. Draußen herrscht ein Sturm und doch ist es ungewöhnlich still. Immer wieder durchziehen Blitze die Nacht, manchmal sind es auch Scheinwerfer der wenigen Autos, die sich trotz der Ausgangssperre auf die Straße trauen. Und immer wieder fällt der Strom aus und die Nacht findet ihre Überhand und füttert meine Angst mit dunkeln Vitaminen.

Gestern noch habe ich zu meinem Freund gesagt, dass es doch schön wäre, an den Feiertagen mit der Familie zusammen zu sitzen und zu essen. Heute wünsche ich es mir mit meinem gesamten Körper. Denn Ich bin in Kandy, rund 125 Kilometer entfernt von Colombo. 125 Kilometer – das klingt in der deutschen Zeitrechnung schon fast wie „um die Ecke“, hier sind es rund dreieinhalb Stunden entfernt und diese, die singalesische Zeitrechnung behagt mir gerade deutlich besser.

Sri Lanka als ein weltoffenes, toleranters Land

Ich bin ein Angsthase, das war ich schon immer. Ein mutiger Angsthase, denn trotz meiner Sorgen und Befürchtungen befinde ich mich auf einer Weltreise. Schon immer habe ich vor der Reise gecheckt, ob ich mich in einem Land sicher fühlen würde: Auch mit Vorgeschichte habe ich mich oft dafür entschieden und mein inneres Gefühl hat mich nie getäuscht. Aber da ist trotzdem etwas, das sich verändert hat in den letzten Jahren. In Deutschland war das Sicherheitsgefühl zwar da, aber schon lange nicht mehr so ausgeprägt. In Neuseeland, in Australien, in Vietnam und auch in den letzten fünf Wochen in Sri Lanka dagegen sehr. Gerade in Sri Lanka – einem Land mit unheimlich freundlichen, fröhlichen und hilfsbereiten Menschen. Menschen, die einem den Platz freimachen, weil sie sehen, dass man nach vier Stunden Dauerstehen im Zug müde Beine hat. Menschen, die einen voller Ehrlichkeit mit an den Familientisch holen, um gemeinsam das Neujahrfest zu feiern. Menschen, die trotz einer Terroranschlagsreihe die Krankenhäuser überrennen, um für die Opfer Blut zu spenden.

Das ist Sri Lanka und das ist das, was mir gerade das Herz bricht. Ich verstehe nicht und habe noch nie verstanden, welcher Glaube es rechtfertigen soll, dass Menschen Unschuldige töten. Ich habe es noch nie verstanden, wie ein Mensch eine Waffe in die Hand nehmen kann, einen Sprengstoffkörper installieren kann und dabei weiß, dass er Männer, Frauen und Kinder töten wird. 207 Todesopfer gibt es bis jetzt – 207 Familien, die betroffen sind. Kinder müssen ab heute auf ihre geliebte Mutter verzichten, Schwestern haben ihre Brüder verloren und Väter ihre Kinder. 207.

Unsere Situation nach den Anschlägen in Colombo

Als wir von den Terroranschlägen erfahren, sitzen wir im Zug von Ella nach Kandy – dem Touristenzug, der aber vor allem jetzt, in den Tagen nach dem großen Neujahrsfest in Sri Lanka, von Einheimischen genutzt wird. Wir blicken in sich fürchtende Gesichter. Immer wieder fragen uns die Einheimischen, ob wir auf unseren Smartphones checken können, ob es etwas Neues gibt. Sie telefonieren ununterbrochen und auch bei uns, den Touris, die als Anschlagsziel gelten, macht sich Unsicherheit breit. Ich bin ein Angsthase, ich bin Christ und ich bin Tourist und meine Gedanken überschlagen sich. Vor allem nach den zweiten Explosionen, die erst einige Stunden später erfolgen. „Sollen wir aus dem Zug aussteigen?“, „Sollen wir überhaupt ins touristische Kandy?“, „Sollen wir Blut spenden und helfen?“, „Was sollen wir überhaupt tun?“ – Ich habe die Fragen bis jetzt noch nicht beantwortet. Und so geht es allen Menschen, die ich hier treffe.

Um fünf Uhr, rund acht Stunden nach den ersten Anschlägen, kommen wir in einem Hostel an. Meine erste Frage gilt dem Personal: „Haben Sie Verwandte in Colombo?“, frage ich. Der Manager sagt, dass er dort keine Familie habe. Ich frage, wie es ihm gehe. Er antwortet: „Madame, auf der ganzen Welt passieren Anschläge aufgrund von Religion. Warum soll Sri Lanka davon verschont bleiben? Wir müssen damit jetzt klarkommen.“ Immer wieder starrt er auf den Fernseher, der nicht wirklich funktioniert. Denn die Regierung reagiert: Social Media ist runtergefahren worden, niemand kann bei WhatsApp schreiben, bei Instagram surfen oder bei Facebook posten. Auch das Fernsehen funktioniert nicht richtig. Die Informationen fließen nicht. Was aber jeder weiß ist, dass es eine Ausgangssperre gibt. Ab 18 Uhr darf niemand mehr das Haus verlassen. Schon jetzt, um 17 Uhr, sind fast alle Läden geschlossen. Die TukTuk-Fahrer sind nervös und weisen darauf hin, nur noch kurze Fahrten zu machen. Vor einem letzten, offenen Supermarkt hat sich eine lange Schlange gebildet.

Auch ich bin nervös. Ich habe Angst, denn ich kann die Situation nicht einschätzen. Ich denke an Deutschland, denke an den Vorfall auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Dieser Anschlag war in meinem Land und doch so weit weg, aber hier bin ich Teil von dem, was gerade passiert. Auch ich kann meiner Familie nicht schreiben. Auch ich weiß gerade nicht, wo ich sicher bin. Auch ich kenne inzwischen Menschen in Sri Lanka, die in Colombo hätten sein können. Auch ich war vor wenigen Tagen selbst noch da, um mein Visum zu verlängern. Auch ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. Und vor allem bin ich Christ und Tourist. Ich bin von einer gewalttätigen Minderheit hier nicht länger gewünscht.

Zwischen Angst, Trauer und Trotz

Unter diesen Umständen in einem Land zu sein, das man genießen soll, ist schwer. Mir macht die Eingrenzung der Kommunikation Angst. Mir macht es Angst, mich nicht frei bewegen zu können. Mir macht Angst, dass der Strom immer wieder ausfällt. Und mir macht Angst, dass ich die Gewohnheiten des Landes nicht kenne. Ich weiß, dass ich diese Ängste nicht haben sollte. Gerade jetzt muss ich ein Land wie Sri Lanka unterstützen. Der Minderheit zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse und dass wir da sind und da bleiben, egal wie oft sie Terroranschläge auf der ganzen Welt durchziehen. Aber das ist schwer, wenn draußen die Lichter aus sind, wenn die Nachricht an die Eltern hängen bleibt, wenn die Hoteltüren abgeschlossen sind.

Jetzt heißt es erstmal, abzuwarten. Und meine Trauer zu zulassen. Denn meine Gedanken sind bei den 207 Menschen, die ihr Leben lassen mussten, und bei den 207 Familien, die heute einen geliebten Menschen verloren haben.

Und meine Gedanken sind bei meinem Glauben. Meinem Glauben daran, dass wir, egal welche Nationalität und welche Religion wir haben, an einem Tisch sitzen können, lachen können, uns gut verstehen können und uns vertrauen können, weil in uns das gleiche, gute Herz schlägt.

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